Bildung in der Digitalstadt

Lernen, kommunizieren, den eigenen Horizont erweitern

Lebenslanges Lernen – dafür braucht es heute und vor allem in den rasanten Zeiten der Digitalisierung wenig Argumente. Lernen kann neue Perspektiven bieten, Spaß machen und sogar schützen. Gleich vier Projekte der Digitalstadt Darmstadt tragen zur Bildung bei – jedes auf seine ganz eigene Weise.

Falsche Identitäten, Links und Webseiten erkennen

„Plötzlich waren meine privaten Daten verschlüsselt – Fotos, persönliche Dateien, einfach alles auf meinem PC“, berichtet ein Darmstädter, „und es erschien eine Aufforderung, Lösegeld zu bezahlen, damit mein Computer wieder entsperrt würde.“ Der Mann hat nicht bezahlt und ist damit den Empfehlungen des Bundeskriminalamts gefolgt, das in solchen Fällen rät, nicht auf die Lösegeldforderung einzugehen, die Erpressungsnachricht auf dem Bildschirm zu fotografieren und bei der Polizei Anzeige zu erstatten. Zum Glück hatte der Darmstädter erst kurz zuvor seine Daten extern gesichert. So konnte er den gesamten PC neu aufsetzen, ohne großen Datenverlust. Ob es der unbedachte Klick auf einen Link in einer Mail war, ein schadhafter Download oder der Besuch einer betrügerischen Webseite – ihm ist schleierhaft, wie Kriminelle Zugriff auf seinen Computer bekommen hatten.

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Mit dem kostenlosen Online-Seminar „Du bist die Firewall – Bleib wachsam, Darmstadt!“ will die Digitalstadt Darmstadt möglichst viele Menschen in der Wissenschaftsstadt und auch über die Stadtgrenzen hinaus gegen solche Angriffe wappnen. „Fast jeder hat heute einen PC, aber niemand bringt uns so richtig bei, wie man ihn sicher benutzt. Ein falscher Klick kann sehr teuer werden“, sagt Alex Wyllie von IT-Seal. Das 2016 gegründete Cyber-Security-Start-up gilt mittlerweile deutschlandweit als eine der ersten Adressen für Sicherheitskultur und Security-Awareness-Trainings. Mit der Digitalstadt wurde die deutschlandweit erste kostenfreie lokale Cyber-Security-Kampagne entwickelt und online zur Verfügung gestellt – und Darmstadt zum Vorreiter in Sachen IT-Sicherheitstraining gemacht. Durch eine Reihe von E-Mails, die sie über Monate hinweg bekommen, lernen die Teilnehmer viele hinterhältige Tricks der Internetbetrüger ganz real kennen – bis hin zu gestellten Fallen, die in diesem Fall kein Unglück nach sich ziehen.

„Die digitale Welt wird nicht verschwinden –
wir brauchen aufgeklärte Anwender“

Der Grundgedanke: Ein 8-Jähriger soll das Training ebenso verstehen können wie ein 77-Jähriger. Wyllie: „Die digitale Welt wird nicht verschwinden – wir brauchen aufgeklärte Anwender.“ Und die müssen die Tricks kennen, mit denen Cyber-Kriminelle auf typisches Verhalten in Alltagssituationen abzielen und die Neugier, Hilfsbereitschaft und manchmal Gedankenlosigkeit ihrer Opfer ausnutzen, um an Geld oder wertvolle Daten zu kommen. Wie etwa die Bitte eines angeblichen Studenten zur Teilnahme an einer Umfrage über den angegebenen Link. Angriffe von Kriminellen können auch die Aufforderungen von Online-Diensten zur Verifizierung der Kontaktdaten sein oder der Hinweis auf ein vermeintlich volles Mail-Postfach mit dem einfachen Zugang zu mehr Speicherplatz über einen Link.

Nach und nach schärfen die Lernmodule das Bewusstsein der Teilnehmerinnen und Teilnehmer für digitale Fallen. Anhand anschaulicher Bilder und kurzer Videoclips lernen sie, woran sie einen gefälschten Link erkennen können. Sie erfahren, mit welchen Tricks Kriminelle sich ihr Vertrauen erschleichen wollen und können in kleinen Trainingseinheiten das neue Wissen überprüfen und festigen.

 

„IT-Sicherheit ist gar nicht so schwierig. Es ist aber wichtig, wachsam zu bleiben, nicht naiv zu sein und online nicht jedem zu trauen“, fasst Wyllie zusammen. „Wir wollen dabei helfen, dass möglichst viele Bürgerinnen und Bürger in Darmstadt und möglichst auch bundesweit trainiert sind.“ Denn damit seien auch gleichzeitig mehr Mitarbeiter von Unternehmen geschult. „Und es gibt weniger erfolgreiche Cyberangriffe im Privaten und in den Unternehmen.“

„IT-Sicherheit ist gar nicht so schwierig. Es ist aber wichtig, wachsam zu bleiben, nicht naiv zu sein und online nicht jedem zu trauen“

Ansprechpartner
IT-SEAL GmbH

Alex Wyllie
Geschäftsführer

Hilpertstraße 31
64295 Darmstadt

Tel.: 06151 / 4938990

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Digitale Versammlungen – einfach und sicher

Bei der Digitalisierung von Schule und Unterricht hatte Deutschland zwar schon längst seinen Nachholbedarf erkannt – als im März mit Ausbruch der Corona-Pandemie die Schulen geschlossen wurden, war aber so gut wie niemand auf digitale Wissensvermittlung über Monate hinweg vorbereitet. Viele Lernverbindungen waren von heute auf morgen gekappt. Zwei Digitalstadt-Projekte schafften auf ihre Weise Abhilfe – und geben Schulen und Vereinen gerade in Zeiten der Corona-Pandemie die Möglichkeit, jederzeit zwischen persönlichen Treffen und dem Austausch im virtuellen Raum hin- und herzuwechseln.

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tingtool für Versammlungen, Diskussionen und Informationsaustausch im virtuellen Raum

„Es kommt in der Welt ganz selten vor, dass plötzlich Millionen von Menschen das gleiche Problem haben“, sagt der Darmstädter Peter Fischer. Seine Erfindung erlebte Mitte März ihre Sternstunde. Die Kommunikationsplattform tingtool war als Digitalstadt-Projekt schon vor Corona kostenlos für alle Darmstädterinnen und Darmstädter. Doch plötzlich entdeckten Gruppen, Vereine und Schulen ihren Bedarf für Versammlungen, Diskussionen und Informationsaustausch im virtuellen Raum. Den kann tingtool decken, das nach „ting“, einer alten Bezeichnung für Versammlung, benannt ist.

„Als am Freitag, 12. März, die Nachricht kam, dass ab Montag alle Schulen in Hessen geschlossen bleiben, waren die Kinder schon zu Hause und ich hatte keine Möglichkeit mehr, ihnen Materialien mitzugeben“, blickt Anna Wittmann, Klassenlehrerin an der Freien Waldorfschule in Darmstadt, zurück. „Zwei Stunden später rief Herr Fischer an, dessen Sohn in meiner Klasse ist, und sagte: `Ich hab´ da was für Sie´.“ Die 36-Jährige war zunächst skeptisch: „In der Waldorfschule machen wir viel mit der Hand und in den unteren Klassen wenig mit dem PC. Der Computer und ich, wir sind eher nicht so sehr befreundet.“

Sie wurde eines Besseren belehrt: „Ich habe mich eingeloggt, das Programm hat mich angeleitet, was ich tun musste – und kurze Zeit später habe ich die Eltern der Kinder über ihre E-Mail-Adresse zur Teilnahme eingeladen.“ Erleichtert sagt sie: „Gleich am Montag waren wir wieder auf Kurs.“ Über Mundpropaganda wurde tingtool nicht nur in Darmstädter Schulen weiterempfohlen, sondern im gesamten Bundesgebiet – und in vielen Gruppierungen und Vereinen. „In einer Woche hatten wir so viele Anmeldungen wie vorher in einem ganzen Jahr“, berichtet Fischer. In Spitzenzeiten waren es 500 in 24 Stunden – inzwischen sind es mehr als 10.000 Nutzer.

Tingtool bietet eine klare Struktur mit definierbaren Räumen. Seine zudem einfache Anwendung macht es für Schulklassen interessant. Wer sich schwertut, findet auf der Webseite eine Anleitung, Antworten auf die häufigsten Fragen und jetzt auch ein Video-Tutorial. Weiterhin offene Fragen beantwortet der Support.

Kommunikation, Information und Datenaustausch – ohne ausländische Server.

Als Cloud-Anwendung wird tingtool von Darmstadt aus betreut. „Das ist mir besonders wichtig“, sagt Lehrerin Wittmann. „Ich weiß, dass die Daten sicher sind und nicht über irgendwelche ausländischen Server laufen.“ Als Moderatoren können Lehrer ihren Klassen die notwendigen Informationen in den verschiedensten Formaten bereitstellen – von der Word-Datei über PDF bis hin zu Grafiken, Bildern oder Links zu Youtube-Videos. Wittmann: „Ich hätte nie gedacht, dass ich sogar einmal selbst kleine Videos mit Grußbotschaften an meine Klasse aufnehmen und in einem geschützten Bereich auf Youtube hochladen würde.“

 

Tingtool soll zwar noch in diesem Jahr auch eine Funktion zum Video-Gespräch bekommen, Online-Unterricht dieser Art war für Anna Wittmann aber weniger wichtig. „Das Gute ist ja gerade die freie Zeiteinteilung: Jede Familie konnte die Aufgaben und Informationen zu der Zeit abrufen, die ihnen passte.“ Chat-Bedarf gibt es trotzdem: „In einem Raum habe ich für die Eltern Zusatzwissen bereitgestellt, wo sie auch Rückfragen stellen konnten. Die musste ich dann nur einmal für alle beantworten – anstatt im Zweifel 29 verschiedene Mails zu schreiben.“ Anna Wittmann: „Tingtool hat uns über den Lockdown gerettet!“

Ansprechpartner

tingtool

Peter Fischer
Geschäftsführer

Roquetteweg 33
64285 Darmstadt

Tel.: 01607 422402

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Mit Big Blue Button datenschutzkonform im Gespräch bleiben

Reale Unterrichtssituationen trotz Schulschließung im Frühjahr 2020/2021 und Quarantäne ganzer Klassen und Jahrgänge im Herbst 2020: Ein weiteres Projekt der Digitalstadt hat es möglich gemacht. Denn nach dem Digitalstadt-Prinzip, Systeme und Anwendungen für Darmstädter nutzbar zu machen und mit digitalen Lösungen zu helfen, stellt ein Projekt-Team vorhandene und bewährte Software-Instrumente für Darmstädter Schulen, Bildungsträger und gemeinnützige Einrichtungen bereit – praktikabel und sicher.

Da ist zunächst Big Blue Button. Die Software für Videokonferenzen wurde speziell für den Einsatz im Lernumfeld entwickelt und ist als kostenlose Open Source Lösung weltweit frei verfügbar und kann individuell verändert und adaptiert werden. Die Digitalstadt passte Big Blue Button hiesigen Bedürfnissen an und stellt es den Darmstädter Schulen seit Frühling 2020 zur Verfügung. „Der Vorteil gegenüber vielen anderen Tools für Videokonferenzen ist, dass Big Blue Button verschlüsselt und datenschutzkonform über unsere eigenen Server läuft“, erläutert Projektleiter Antonio Jorba. „Datenmissbrauch wird also ausgeschlossen.“

So können aktuell die Klassen von drei Dutzend Darmstädter Schulen dank Big Blue Button auch ohne persönliche Anwesenheit in der Schule im Gespräch bleiben. Sie können sich damit in Echtzeit zum Video-Unterricht treffen, gemeinsam an Dokumenten arbeiten und sich dafür auch vorübergehend mit Arbeitsgruppen in separate virtuelle Räumen zurückziehen. Die Eltern kommen darüber virtuell zum Sprechtag oder versammeln sich zu Elternabenden. Schulen im Odenwaldkreis haben sich eine Option zur Nutzung gesichert. Während die Grundschulen unter den Darmstädter Teilnehmern mehrheitlich von Big Blue Button als Solo-Anwendung profitieren, nutzen weiterführende Schulen das von der Digitalstadt geschnürte Gesamtpaket für den umfassenden Online-Unterricht: Dafür wurde Big Blue Button mit der Lernplattform Moodle verknüpft, eine ebenfalls individuell anpassbare Open Source Lösung, die im Bildungsbereich bereits lange angewendet wird. „Als zertifizierte Anbindung an Moodle ist Big Blue Button die erste Wahl unter allen Videokonferenz-Lösungen“, so Jorba. Die Schulen beantragen beim Land Hessen den sogenannten hybriden Unterricht (Kombination aus Präsenz- und Fernunterricht) und die Nutzung von Moodle. Die Software läuft über dessen Bildungsserver. In ihren virtuellen Räumen stellen Lehrerinnen und Lehrer ihren Klassen Lerninhalte wie Arbeitsblätter, Videos oder Übungen bereit.

Es ist die Kombination von Moodle und Big Blue Button, die den Fernunterricht so nah wie möglich an die realen Unterrichtsbedingungen heranbringt. Das Projekt-Team der Digitalstadt hat dafür nicht nur die erforderlichen Verknüpfungen entwickelt und umgesetzt, sondern schult auch Lehrerkollegien im Umgang damit. Der entscheidende Vorteil ist, dass die Schulen nicht auf sich selbst gestellt sind, denn das Projekt-Team der Digitalstadt betreut die leistungsstarken Server zentral. Und hat sich in den Schulen die Handhabung erst einmal eingespielt, können einzelne Klassen oder auch ganze Jahrgänge von einem Tag auf den anderen Tag vom Präsenzunterricht in den virtuellem Raum wechseln – und wieder zurück.

Auch 16 gemeinnützige Einrichtungen in Darmstadt – vom Behinderten-Sportverein bis zur Kirchengemeinde – nutzen Big Blue Button bereits für ihre digitale Kontaktpflege. Ebenso hat die Darmstädter Feuerwehr das Tool für ihr Schulungs- und Sicherheitstraining entdeckt.

Orientierung für den individuellen Bildungsweg

Neue Fertigkeiten aneignen, den Horizont erweitern oder berufliche Chancen verbessern. Mit welchem Ziel auch immer: Wer sich nach der Schule weiterbilden möchte, muss wissen, was wo stattfindet. Die einschlägigen Anbieter sind leicht zu finden. Doch nicht jeder weiß vom Gedächtnistraining im Muckerhaus in Arheilgen oder vom Floristikkurs im Hofgut Oberfeld. Und: Wer bildet zum Stadtführer oder Telefonseelsorger aus? Wie und wo kann man Lesepate werden?

Der Digitale Bildungswegweiser gibt ab Frühjahr 2021 einen umfassenden Überblick über Angebote der Erwachsenenbildung in Darmstadt. Dr. Monika Krutsch, Leiterin der Volkshochschule Darmstadt (VHS), holte für das Digitalstadt-Projekt zwei Professoren der Hochschule Darmstadt ins Boot: Dr. Pia Sue Helferich und Dr. Werner Stork. Mit Studierenden der Verwaltung und der Onlinekommunikation entwickelten sie in einem Seminar Ideen für eine digitale Informationsplattform. „Wichtig waren auch die Impulse von Experten für sogenannte Personas“, berichtet Fabian Jankowski, Projektleiter bei der VHS. „Mit ihnen haben wir darüber nachgedacht, wer sich mit welchen Voraussetzungen, Erwartungen und Absichten an einen solchen Bildungswegweiser setzt.“

Mithilfe von Filtern können die Nutzer Schritt für Schritt das Bildungsangebot finden, das zu ihren Interessen passt. Das kann alles sein, was nach der klassischen Schulbildung und Ausbildung kommt – sortiert nach den beiden Kategorien „Berufliche Bildung“ und „Freizeitbildung“.

Der digitale Bildungswegweiser Darmstadt für Beruf und Freizeit

Eine bunte Mischung an Bildungsangeboten – täglich werden es mehr

Von der Vielzahl an Trägern in Darmstadt und Umgebung werden beim Start rund 40 erfasst sein, mit einer bunten Mischung an Bildungsangeboten. „Täglich werden es mehr“, so Jankowski, der überzeugt ist: „Sobald der Bildungswegweiser online ist, werden sicher noch mehr Anbieter auf ihn aufmerksam und sich bei uns melden.“ Die Plattform soll – wie ihr Name sagt – Wegweiser sein, also zur Orientierung im dichten Dschungel der Darmstädter Bildungslandschaft mit Aus- und Fortbildungsangeboten, Kursen und Workshops dienen. Die Anmeldung für die jeweiligen Kurse oder Seminare läuft über die Einrichtungen selbst. Jankowski: „Wir wollen zeigen, welche Möglichkeiten die Darmstädter Bürgerinnen und Bürger haben, ihren individuelle Bildungsweg zu finden, gehen müssen sie ihn dann selbst.“ Und wer weiß – vielleicht entpuppt sich der als reiner Freizeit-Spaß gebuchte Kreativitätskurs ja eines Tages als Startschuss zu einer großen Künstlerkarriere.

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