Marie-Luise Wolff-Hertwig ist seit 2013 Vorstandsvorsitzende des Darmstädter Versorgers Entega. Foto: André Hirtz

Presse-Stimme // Vorstandschefin sieht für Entega viele Chancen in der neuen digitalen Welt

Gute Nachrichten aus der Energiewirtschaft sind dieser Tage rar. Die Veränderungen und Herausforderungen durch die Energiewende sind bekannt – das Ausmaß der Umbrüche eher nicht. Nach Angaben der Unternehmensberatung A.T. Kearney dürfte das operative Ergebnis über alle Wertschöpfungsstufen bis 2024 um ein Fünftel zurückgehen. Wir sprachen mit Entega-Vorstandschefin Marie-Luise Wolff-Hertwig darüber, wie sich der Darmstädter Versorger behaupten will und welche neuen Chancen es gibt.

Echo: Frau Wolff-Hertwig, die Branche produziert zwar weiter Energie – aber teilweise auch Milliardenverluste. Wie steht die Entega nach harten Jahren der Konsolidierung wirtschaftlich denn da?

Marie-Luise Wolff-Hertwig: Die Entega (ehemals HSE, die Red.) ist erfolgreich. Wir haben mit unserer Vorwärtsstrategie ein Programm gefahren, das hieß wachsen und sparen. Und das ist in dieser Kombination vollkommen aufgegangen.

Das heißt?

Das Ziel, unser Ergebnis (Ebit, also Gewinn vor Zinsen und Steuern, die Red.) bis 2018 um 90 Millionen Euro pro Jahr zu verbessern, haben wir mit nun über 80 Millionen fast erreicht. Wir haben aber nicht nur unsere Kosten im Griff, sondern wir sind auch gewachsen. Zum Beispiel im Vertrieb, beim Thema Wärme, bei der Entega-Medianet und beim Breitbandausbau. Alle Bereiche, alle Geschäfte haben dazu beigetragen. Noch wichtiger: Wir haben uns nicht auseinanderdividieren lassen, sind als Unternehmen an der Aufgabe gewachsen und zusammengewachsen.

Was ist denn nun konkret beim Ertrag zu erwarten für 2016?

Das Ergebnis steht noch nicht endgültig fest. Wir werden aber die guten Zahlen 2015 (18,4 Millionen bei 1,5 Milliarden Umsatz, die Red.) nicht unterschreiten, sondern eher etwas besser abschneiden. Die Bilanz wird Anfang Juli vorgelegt.

Dann gehen wir mal von über 20 Millionen aus, womit man sich dem früheren Niveau von 30 Millionen Euro annähert – ist das mittelfristig wieder erreichbar?

Ich halte das nicht für ausgeschlossen, aber es wird dauern, wobei die HSE vor dem Jahr 2013 (seitdem ist Wolff-Hertwig Entega-Chefin, die Red.) ja sehr große Schwankungen beim Ertrag hatte.

Heißt für 2016 auch, die Stadt als Mehrheitseigner mit 93 Prozent bekommt wieder ihren Anteil, obwohl Entega viel in die Zukunft investieren muss. Passt diese Ausschüttungspolitik?

Unsere Aktionäre bekommen eine Ausschüttung. Auch die Mitarbeiter werden übrigens wieder mit einer Prämie an ihrem starken Ergebnis beteiligt. Wir stärken aber auch unser Kapital. Und investieren beispielsweise in Breitbandnetze zwischen 30 und 50 Millionen, aber über einen längeren Zeitraum. 2016 haben wir über 60 Millionen in Windkraft investiert. Das alles können wir gut stemmen.

… auch wenn Darmstadt beim Bitkom-Wettbewerb zur deutschen Digital City werden sollte und zu den öffentlichen Zuschüssen auch eigene Anstrengungen kommen müssen bei der Entega?

Wenn Darmstadt den Bitkom-Wettbewerb gewinnt, ist das ein gewaltiger Schub auch für die Arbeit der Entega. Wir können nämlich erheblich dazu beitragen, dass die Stadt digitaler wird. Dabei geht es auch um neue Quartiere wie Lincoln-Siedlung oder Cambrai-Fritsch-Kaserne, wo eine medienübergreifende Versorgung ansteht. Entsprechende Stromnetze für wachsende E-Mobilität eingerechnet, besseren Verkehrsfluss und vieles mehr. Als Entega können wir natürlich Strom, Gas, Wasser, Wärme und Internet. Wir können aber durch unsere Weiterentwicklung noch viel mehr für unsere Kunden leisten: Zum Beispiel an intelligenten Verkehrskonzepten mitarbeiten, die Parkraumbewirtschaftung durch Digitalisierung verbessern, die Messung der Luftqualität vereinfachen und vieles mehr.

Was sonst noch?

Wir haben uns gerade am Darmstädter LED-Anbieter Luxstream (14 Mitarbeiter, 2,5 Millionen Umsatz, die Red.) mit 25,1 Prozent beteiligt, mit dem wir intelligente und stromsparende Beleuchtungskonzepte für den öffentlichen Raum entwickeln wollen. In Smart City dreht sich vieles auch um IT und IT-Sicherheit, was wir gewährleisten können. Oder um effiziente Steuerung der Erneuerbaren Energie neben deren weiteren Ausbau.

Wo liegen sie derzeit bei selbst erzeugtem grünem Strom?

Wir wollen eine Terrawattstunde erreichen und damit alle unsere Ökostromkunden mit eigen erzeugter Energie versorgen (rund 400 000 Haushalte, die Red.); aktuell haben wir Dreiviertel davon geschafft.

Und das sowie das Thema Smart City wird durch die Rekommunalisierung der Entega zielstrebig befördert?

Es war gut, dass die Stadt ihre Unternehmen nicht verkauft hat. Stuttgart, Berlin und andere wollen inzwischen ihre Infrastrukturfirmen zurückhaben. Das war in Darmstadt seinerzeit zwar hoch umstritten. Die gute Zusammenarbeit in der Stadtwirtschaft, die tolle Entwicklung der Unternehmen zeigt im Nachhinein jedoch die Richtigkeit der Entscheidung.

Gleichwohl wird das Geschäft kleinteiliger, schwieriger.

Ganz richtig. Energiewende bedeutet Dezentralität, da geht kein Weg dran vorbei. Das heißt nun mal kleinteilig.

Großkonzerne haben da sicher mehr Probleme – dennoch stellt sich auch für die Entega die Frage nach mehr Kooperationen in der Region. Wie sieht es da aus?

Wir kooperieren ja schon. Die Stadtwerke Mainz sind zu 25 Prozent in unserer IT-Tochter Count and Care engagiert. Da gibt es Wachstumsideen. Wir haben auch andere Ansätze, weil Kooperationen sinnvoller sind als Fusionen aufgrund der regionalen/lokalen Geschäfte. Wir haben da keinerlei Berührungsängste zu unseren Mitbewerbern in der Region.

Warum vor allem?

Künftige Anwendungen sind kaum skalierbar, bei den Themen Smart Home, bei den Unternehmen, wo es um die Bereitstellung effizienter Energie, aber auch um modernste Infrastrukturdienstleistungen geht, von Beleuchtung bis Flottenmanagement. Da müssen wir vor Ort sein. Dann kommen wir zu Smart City und schließlich zu moderner und nachhaltiger Mobilität, von ÖPNV mit W-LAN bis zur Elektromobilität, das alles möglichst günstig und komfortabel. Da bieten wir schon Produktbausteine, wollen aber weiter gehen, und zwar zusammen mit Schwesterunternehmen in der Stadtwirtschaft und den Kommunen in der Region. Das ist eine einmalige Chance für uns alle.

Zieht das eigene Personal mit – trotz aller Veränderungen, trotz der Angst, dass Stellen wegfallen durch die digitale Welt?

Wir investieren kräftig in Weiterbildung. Und wir suchen eher Talente, als Stellen abzubauen. Wir haben eine gute Zukunft, weil wir uns um die Zukunft kümmern. Unser Geschäftsmodell ist nicht in Gefahr, obwohl wir derzeit einen schlechten Markt bei der Erzeugung haben.

Wie viele Beschäftigte sind derzeit an Bord?

2048 Frauen und Männer; die Zielgröße von 1850 besteht weiterhin, aber 2021/22 sehen wir durch den demographischen Wandel eine große Abbruchkante von vielen qualifizierten Kollegen, die in Ruhestand gehen. Daher sind wir vorsichtiger unterwegs. Aber wir bilden auch verstärkt aus.

Das Interview führte Achim Preu

Erschienen am 15.04.2017 im Darmstädter Echo.

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